Low-Code Tools für ERP – Chancen & Grenzen

No-Code- und Low-Code in ERP-Systemen: Wie gut sind die Entwicklungstools wirklich?

In Zukunft sollen nicht mehr nur IT-Experten kleine Business-Anwendungen programmieren, sondern auch die Kollegen aus Buchhaltung oder Marketing. So jedenfalls die Idee von LowCode- und NoCode-Plattformen. Aber sind solche Systeme wirklich für Laien geeignet? Worauf sollten Unternehmen bei der Integration der Tools achten 

Was sind Low-Code- bzw. No-Code-Tools?

No-Code- und Low-Code-Tools sollen es Anwendern ermöglichen, mithilfe von grafischen Oberflächen funktionale Applikationen zu erstellen. Während Low-Code-Tools geringe Programmierkenntnisse voraussetzen, sollen sich No-Code-Tools ganz ohne IT-Kenntnisse bedienen lassen.  

Low Code im ERP-Umfeld könnte bedeuten, dass Fachbereichsmitarbeiter für ihre Workflows selbst Automatisierungen entwickeln – von der Modellierung des Datenmodells bis zur Gestaltung der Oberfläche könnten sie alles grafisch erstellen, ohne je eine Zeile Code anzufassen. 

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Rasanter Aufstieg: Low Code und No Code als Antwort auf den Fachkräftemangel

Low Code- und No Code-Plattformen sind keine neue Idee. Die ersten sogenannten Rapid Application Development Tools stammen aus den 1990er-Jahren, doch seit rund zehn Jahren ist das Thema verstärkt im Aufwind. Ein Grund: Der gravierende IT-Fachkräftemangel.   

Laut einer KPMG-Studie von 2024 betrachten 81% der Unternehmen Low Code und No Code mittlerweile als integralen Bestandteil ihrer strategischen Ausrichtung. 80 % möchten so die Produktivität ihrer (knapp besetzten) Entwicklungsteams beschleunigen.

Die Vorteile von Low Code und No Code im ERP-Kontext

Die Versprechen von Low Code und No Code im ERP-Umfeld sind in der Tat verlockend. Fachbereichsmitarbeiter werden zu Citizen Developern: Sie  können Anpassungs- und Erweiterungswünsche für Apps, ohne Programmierkenntnisse, einfach selbst zusammenklicken. Die wenigen IT-Fachkräfte haben mehr Zeit für komplexe Aufgaben. In der Folge gewinnt das Unternehmen Agilität, kann Innovationen schneller auf den Markt bringen und erhöht die Effizienz seiner Organisation.  

Vorteile im Überblick 

  • Schnelle Anpassung von Geschäftsprozessen 
  • Entlastung des IT-Teams durch Citizen Developer 
  • Weniger Individualentwicklungsbedarf, weniger Wartungsaufwand 
  • Höhere Effizienz der Fachbereiche durch mehr Autonomie 
  • Schnelle Entwicklung von Prototypen, höheres Innovationstempo 
  • Anpassung via Low Code kann ERP-Wechsel bei Legacy-Systemen hinauszögern 

Die Grenzen von No Code und Low Code im ERP-Kontext

Bei aller Euphorie: Low-Code und No-Code-Tools sind kein Allheilmittel gegen den Fachkräftemangel in der IT. So intuitiv  wie beworben, sind viele Plattformen dann doch nicht.  

Nicht jede Fachabteilung hat IT-affine Mitarbeiter 

Fachbereichsmitarbeiter müssen sich intensiv einarbeiten, wenn sie brauchbare Ergebnisse kreieren möchten. Dass jeder in einer Fachabteilung zum Citizen Developer wird, ist nicht realistisch. Denn es braucht IT-affine Mitarbeiter, die bereit sind, sich weiterzubilden. Sonst kann durch Citizen Developer für die IT zusätzlicher Aufwand entstehen, wenn sie fehlerhafte Lösungen nachbearbeiten müssen.  

Ohne klare Richtlinien droht eine digitale Parallelwelt 

In jedem Fall braucht es klare Prozessvorgaben und Governance-Richtlinien, damit durch Laien-Entwicklung kein digitaler Wildwuchs entsteht, der die Transparenz und Wartbarkeit des ERP-Systems untergräbt. Die letztendliche Verantwortung für Datenmodelle,  Sicherheit und Releaseprozesse sollte weiterhin beim IT-Team liegen und nicht in Laienhänden. 

Komplexe Module brauchen Entwicklungsprofis 

Für schnelle Anpassungen wie Felderweiterungen, UI-Modifikationen oder zusätzliche Validierungen können Low-Code hervorragende Effizienzbooster sein. Bei tiefgreifenden Änderungen der ERP-Logik stoßen die Tools jedoch an ihre Grenzen. Auch bei der Anpassung von kritischen ERP-Modulen (Produktion, Finanzen u. a.) braucht es Profi-Entwickler, die mit den Tools arbeiten oder direkt in den Code eingreifen.  

Komplexe Integration überfordert viele Citizen Developer 

Vor allem die Schnittstellenprogrammierung ist tückisch. Low-Code- und No-Code-Anwendungen bieten zwar APIs, doch die Integration mit Mapping, Authentifizierung und Datenlogik erfordert meist tiefes technisches Wissen und aufwendige IT-Abstimmung – Citizen Developer sind gut beraten, hier an IT-Experten zu übergeben.   

 
Dennoch: Das Programmieren nach dem Baukasten-Prinzip ist wertvoll und gekommen, um zu bleiben. Welche Tools gibt es also und wie können Unternehmen sie optimal in Workflows integrieren? 

3 Möglichkeiten für Low Code und No Code in ERP-Umgebungen

Grundsätzlich lassen sich drei Ansätze unterscheiden, wie Low-Code- und No-Code-Entwicklung im ERP-Umfeld eingesetzt werden kann.  
 
1. Low Code ERP Customizing: Der Ansatz beschreibt die Erweiterung oder Anpassung eines ERP-Systems. Bei einigen ERP-Herstellern sind die notwendigen Low-Code- bzw. No-Code-Tools bereits in der ERP-Suite integriert.  

Die GUS-OS Suite verfügt beispielsweise im Standard über ein besonders leistungsfähiges Low Code Framework. Geschäftsprozesse können damit relativ einfach an neue Anforderungen angepasst werden. Von der simplen Felderweiterung bis zur Integration neuer Prozessschritte ist vieles möglich.  

2. Low Code ERP Development: Bei dieser Variante des Low Code ERP Customizing ist die Entwicklungsplattform Teil des vorhandenen ERP-Systems. Allerdings wird sie dazu genutzt, um das ERP-System durch zusätzliche Anwendungen oder Prozesse zu erweitern, die außerhalb des ERP-Kerns laufen.

Derartige Erweiterungen sind ebenfalls mit dem GUS-OS Framework möglich. Kernstück sind ein integriertes Werkzeug zur Datenmodellierung, eine Workflow-Engine sowie ein User-Interface-Kit, mit dem sich Dialoge und Anwendungen aus bestehenden Komponenten zusammenstellen lassen.  
 
3. Low Code ERP Extension:  Bei diesem Ansatz werden Low-Code-Anwendungen über eine externe Plattform erstellt, die ERP-Daten werden dann über Schnittstellen mit dem Back-End-System ausgetauscht. Nahezu alle klassischen Low Code-Anbieter verfolgen diesen Ansatz, wie Mendix oder die Microsoft Power Platform. Er ist besonders für Unternehmen interessant, die ein älteres ERP-System nutzen, ohne integrierte Low-Code-Tools. 

Der Vollständigkeit halber sei noch das Low Code ERP erwähnt. Denn es ist denkbar, eine komplette ERP-Lösung mit Hilfe einer Low Code-Plattform zu entwickeln oder zu portieren. Diese Plattformen sind jedoch heute und vermutlich auch in Zukunft eher die Exoten unter den Low Code-Modellen. Ein reines No-Code-ERP-System bleibt bis heute Theorie.

Integrierte oder externe Low-Code-Plattform?

Vergleicht man integrierte mit externen LowCode-Plattformen, weisen beide Varianten Vor- und Nachteile auf. 

Integrierte Plattformen

  • Bei einem integrierten Low Code Framework sind bereits wesentliche Funktionen, wie die Stammdatenverwaltung oder Businesslogik-Bausteine, im System vorhanden. Nutzer können daher über die Plattform einfach darauf zugreifen.  
  • Das Zusammenspiel von selbst programmierten Apps mit den bestehenden ERP-Anwendungen funktioniert meist reibungslos.  
  • Unternehmen können auf vorhandene Releasemanagement-Prozesse aufsetzen. 
  • Für bestehende ERP-User fallen meist keine zusätzlichen Lizenz- bzw. Nutzungskosten für integrierte Tools an. Das kann sich allerdings ändern, wenn man neue, nicht zum Kern gehörende ERP-Prozesse digitalisieren möchte. 

Externe Plattformen

  • Externe Low-Code-Plattformen haben einen generischen Ansatz und sind daher vielseitiger.  
  • Sie sind in vielen Fällen bereits cloud-native, allerdings muss eine Schnittstelle zum bestehenden ERP-System eingerichtet und gepflegt werden.  
  • Die Kosten für Nutzer-Lizenzen sind im Vergleich zu ERP-Lizenzen pro User  deutlich günstiger, dafür fallen diese Gebühren zusätzlich zu ERP-Kosten an.  
  • Kritisch zu berücksichtigen, ist das Releasemanagement. Fachabteilungen können Apps ohne Kontrolle der IT releasen. Daher sollten IT-Teams hier von Anfang an klare Leitlinien setzen, um Wildwuchs zu vermeiden.

Mehr Zukunftsfähigkeit durch Low Code. Auch im ERP-Umfeld.

Low-Code- und No-Code-Plattformen sind starke Werkzeuge, um ERP-Systeme schneller weiterzuentwickeln und IT-Abteilungen effektiv zu entlasten. Sie erhöhen die Agilität und damit Zukunftsfähigkeit von Unternehmen. Aber sie haben Grenzen. Low-Code-Entwicklung kann IT-Fachkräfte nicht ersetzen: Nicht jeder Mitarbeiter ist zum  Citizen Developer geboren und komplexe Aufgaben gehören auch weiterhin in die Hände von Profis.  

Für Unternehmen heißt das: Die Zukunft liegt in einem Mix aus durchdachtem Customizing, professioneller IT-Entwicklung und gezieltem Einsatz von Low Code bzw. No Code in ERP-Komponenten.  

Bei der Wahl eines neuen ERP-Systems sollten Unternehmen darauf achten, dass direkt eine Low-Code Plattform integriert ist. Wer noch mit einem alten System arbeitet, für den bieten externe Plattform eine gute Möglichkeit, den technologischen Rückstand abzumildern – um mit ausreichend Vorbereitung zu einem neuen System wechseln. 

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